Interview

 

Selbstliebe

 

 

 

Barbara Heuschkel,Innenarchitektin und Künstlerin im Gespräch


mit Elisabeth P. Jagfeld,
Heilpraktikerin für natürliche Frauenheilkunde

 

 

 

 

 

 

Barbara:

 

Welchen persönlichen Bezug hast du zur Selbstliebe ?

 

 

Elisabeth:

 

Selbstliebe heißt für mich zunächst, dass ich bei mir selbst bleibe und nichts auf Andere abwälze, mir sowohl die guten wie auch die schlechten Gefühle wertfrei anschaue. Es geht darum, Stück für Stück zu lernen, Positives wie vermeintlich Negatives anzunehmen. Beides gehört zu mir und macht mich aus.

 

Selbstannahme und Selbstliebe sind eine tägliche Herausforderung, die es immer wieder neu zu meistern gilt. Sie passiert aus meiner Sicht auf drei Ebenen – der geistigen, der seelischen und der körperlichen.


In meiner Praxis sehe ich täglich, wie wichtig es ist, sich mit dem Thema Selbstliebe bewusst auseinanderzusetzen. Im Rahmen eines solchen Bewusstwerdungsprozesses erleben die Frauen, dass sie eine Wahl haben und entscheiden können, wie sie mit sich selbst umgehen möchten.

 

 

 

Barbara:

 

Ist mangelnde Selbstliebe ein Thema, mit dem Du in Deiner Praxis oft zu tun hast ?

 

 

Elisabeth:

 

Ja, das ist häufig der Fall und zeigt sich meist nicht gleich an erster Stelle. Erst im Lauf des Gesprächs mit den Frauen, die wegen einer bestimmten Symptomatik kommen, wird deutlich, dass es um tieferliegende Selbstzweifel und mangelnde Selbstliebe geht. Sofern mir die Frau ihr Einverständnis signalisiert, versuche ich vorsichtig darauf einzugehen.

 

Wenige Frauen sind zufrieden mit ihrem Körper und wohnen wirklich in ihm. Viele schränken sich in ihrer täglichen Freiheit ein – bis hinein in intime Momente mit dem Partner, weil sie zum Beispiel ihren Bauch, Cellulite oder andere „Schwachstellen“ zu verstecken oder kaschieren versuchen oder hungern und sich Diäten unterwerfen. Die Präzision und Perfektion, mit der das manche Patientinnen tun, oft über Jahrzehnte hinweg, macht mich betroffen. Umso mehr freue ich mich, Patientinnen dorthin zu begleiten, sich wieder wohl im eigenen Körper und mit sich selbst zu fühlen.

 

 

 

Barbara:

 

Was sind mögliche Gründe für die fehlende Selbstliebe?

 

 

Elisabeth:

 

Oft sind es Prägungen aus der Vergangenheit. Es kann die Erziehung sein, die uns schon im Kleinmädchen-Alter dazu angehalten hat, uns „hübsch für Andere“ zu machen und zu gefallen. Wir erleben, wie Mutter und Großmutter, sich selbst nicht wichtig nehmen, einem bestimmten Bild oder Rolle entsprechen wollen, und nur für andere da sind. Letztlich imitieren oder wiederholen wir das dann. Nicht selten geben wir es an unsere Töchter weiter. In der Folge ist uns die Anerkennung der Anderen und das, was wir in deren Augen sind, wichtiger als das, was wir selbst fühlen, empfinden und uns wünschen.

 

 

 

Barbara:

 

Wie kommt es im speziellen bei Frauen zu einer verzerrten Selbst- und Körperwahrnehmung?

 

 

Elisabeth:

 

Traumatische Erfahrungen, wie körperliche Übergriffe oder Gewaltanwendung, können zu einer starken Entfremdung vom eigenen Körper führen. Aber häufig sind es die anderen, weniger gravierenden Aspekte, die über die Jahre hinweg Frauen ihren eigenen Körper verzerrt wahrnehmen lassen.

 

Allgemein – über alle Altersklassen hinweg – beobachte ich in unserer Gesellschaft eine Entfremdung der Frau vom eigenen Zyklus und ihrem ureigenen Rhythmus. Dies hängt u. a. mit der oft langjährigen Einnahme von Hormonpräparaten wie der Pille zusammen. Genauso lässt unsere „Leistungsgesellschaft“ wenig Raum für ein Leben im eigenen Takt.

 

Somit entfernen sich Frauen wie Männer mehr und mehr von ihrer Intuition und ihrem authentischen Sein.

 

In anderen Kulturen, wie bei meiner Reise nach Bali erlebt, ist das Älterwerden dort kein Tabu oder Makel, wie bei uns. Ganz im Gegenteil – Wert und Ansehen der Menschen steigen dort mit zunehmendem Alter. Unsere westliche Gesellschaft ist nach wie vor stark auf äußere Werte fokussiert, wenn ich es einmal exemplarisch an der Werbung festmache. Hier gilt „jung und dynamisch“ nach wie vor als dauerhaft erstrebenswert und attraktiv. Und damit lässt sich auch viel Geld machen.

 

 

 

Barbara:

 

Hast du ein Beispiel für einen guten Umgang mit dem älter werden?

 

 

Elisabeth:

 

Ein schönes Beispiel für gelebte Selbstliebe ist der positive Umgang mit den Wechseljahren. Wir sollten sie nicht als Symptomekomplex aus Hitzewallungen und Schlaflosigkeit begreifen, sondern vielmehr als Möglichkeit, wieder empfindsamer, achtsamer und freier zu werden. Es wäre schön, Frauen könnten die Chance sehen, die diese Lebensphase birgt. Eine Chance zu neuer Kreativität, neuen Herausforderungen und einer neuen Tiefe der Selbstannahme. Für die Umsetzung haben wir ja in unserem Buch (Frauenheilkunde natürlich – Das Fachbuch für die Praxis) viele Anregungen gegeben.

 

 

 

Barbara:

 

Ist es so, dass sich Frauen mit der Selbstliebe schwerer tun als Männer?

 

 

Elisabeth:

 

Die wenigsten Menschen, Frauen wie Männer, werden meiner Ansicht nach zur Selbstliebe erzogen. Männer können vielleicht durch z.B. eine gute berufliche Stellung und materielle Statussymbole ihre mangelnde Selbstliebe noch eher kompensieren, ohne ins Klischee verfallen zu wollen.

 

Erfolgreiche Businessfrauen stehen dem heutzutage aber in nichts nach.

 

Auch der Wettbewerb um Äußerlichkeiten oder Fähigkeiten betrifft sowohl Jungs wie Mädels in ihrer Entwicklung. Hier wird es schwierig, wenn man sich z.B. innerhalb der Familie als weniger talentiert oder weniger schön empfindet. Wer vergleicht hat schon verloren.

 

Oft werden Mangelbewusstsein und Unwertgefühle von den Eltern und Großeltern an die Kinder weitergegeben, egal welches Geschlecht.

 

Ein Therapeut sagte mir mal, dass das Mantra des westlichen Menschen lautet: „Ich bin nicht gut genug“

 

 

 

Barbara:

 

Was sind deiner Erfahrung nach die größten Hürden oder Stolpersteine auf dem Weg zu mehr Selbstliebe?

 

 

Elisabeth:

 

Die Frauen, die zu mir in die Praxis kommen wissen oft nicht, wie sie sich entspannen und gut für sich selbst sorgen können. Das ist in meinen Augen die größte Hürde – sie wissen es schlichtweg nicht. Niemand hat ihnen beigebracht, wie man Selbstliebe lebt. Das gilt meiner Meinung nach für Männer und Frauen gleichermaßen!

 

Aber wir können unsere innere Haltung zur Selbstliebe üben. Das tägliche Wie – in Umsetzung und Gestaltung der Selbstliebe – müssen wir aber immer wieder neu erschaffen. Zunächst bedarf es der Bereitschaft, dieses Thema überhaupt anzugehen. Denn das braucht Eigenverantwortung.

 

In meiner Praxis überprüfe und korrigiere ich diese Heilungsbereitschaft mit kinesiologischen Balancen und Farbbrillen, gemäß dem Regulationskonzept nach Dr. med. Dietrich Klinghardt. So wirkt beispielsweise die hellgrüne Brille förderlich hinsichtlich Liebe und Selbstliebe, sie stärkt dieses Gefühl.

 

Entscheidend für die Wahl geeigneter Lösungsansätze, ist die konkrete Frage, wo genau es an Selbstliebe fehlt beziehungsweise in welchem Bereich man diese verstärkt braucht. In meinen Sitzungen lasse ich die Patientinnen diese Frage selbst beantworten und frage weiter, was sie sich selbst geben oder schenken könnten, damit sie sich besser fühlen. Hier ist vieles denkbar: mehr Zeit alleine, regelmäßige Massagen, das Ausleben eines lang gehegten Traums, ein neues Hobby… – aber genauso private Veränderungen in puncto Partnerschaft, Familie und Freundeskreis, und vieles mehr.

 

Langfristig ist die Arbeit mit dem so genannten „Inneren Kind“ wichtig, das gesehen werden möchte. Ebenso möchte es (symbolisch) in den Arm genommen und gestreichelt werden. Wir können es wertschätzen, in dem wir ihm in herausfordernden Momenten immer wieder neu die Frage stellen: „Was ist es, was Du jetzt brauchst? Womit kann ich Dir jetzt, heute und hier etwas Gutes tun?“. Manchmal kann sich schon viel bewegen, wenn wir nur lernen, unser „Inneres Kind“ zu hören.

 


 

Barbara:

 

Was ist die Konsequenz von mehr gelebter Selbstliebe? Wie kann sich das im alltäglichen Leben auswirken?

 

 

Elisabeth:

 

Ich male mal ein erstrebenswertes Idealbild und möchte vorher betonen, dass Selbstliebe nie fertig ist und tägliche Bewusstheit und Präsenz braucht – eben Arbeit:
 

Menschen, die sich selbst – geistig, seelisch und körperlich – angenommen haben, sind mit sich mehr im Reinen. Bei den täglichen Herausforderungen des Lebens sind sie ruhiger und gelassener. Der Schlüssel liegt nämlich im Annehmen von dem was ist, bei sich selbst und im Umgang mit Anderen. Frauen oder Männer, die sich selbst mögen, wagen es, alle ihre Gefühle zuzulassen. Sie leben angstfreier, weil sie gelernt haben, sich in ihrer Fülle und ihrem ganzen Wesen „den anderen zuzumuten“. Dadurch sind sie authentisch und mehr im Vertrauen.

 

Sie sind weniger darauf angewiesen, Bestärkung und Wertschätzung im Außen zu suchen. Vom Urteil anderer lassen sie sich weniger beeinflussen, und trauen sich auch Fehler zu machen. Sie haben neben ihren Stärken auch ihre Schwächen und Misserfolge integriert und angenommen.

 

Dadurch besitzen sie die Fähigkeit für Empathie und können andere Menschen besser verstehen.

 

 

 

Barbara:

 

Was ist Deine ganz persönliche Botschaft an die Frauen unserer Zeit – quasi als ein Schlüssel zu mehr Selbstliebe?

 

 

Elisabeth:

 

Alles, was uns in Ruhe, Stille und Langsamkeit führt, ist der Selbstwahrnehmung und damit der Selbstliebe dienlich. So sind etwa Meditation und Kontemplation sehr zu empfehlen. Ich helfe meinen Patientinnen dabei, selbst herauszufinden, was sie in die Stille führt.

 

Für die eine Frau ist es Natur, sind es lange Spaziergänge oder Wanderungen, für die andere Sauna, Tanzen, Malen oder Yoga. Wichtig ist es, diese Aus- und ICH-Zeiten regelmäßig zu praktizieren und in den Alltag einzubinden, nicht nur gelegentlich mal oder dann, wenn das Maß ohnehin voll und der eigene Akku leer ist.

 

Es gibt aber auch Momente und Situationen, in denen all diese Maßnahmen nicht mehr greifen… Wenn ich gerade wieder einmal nicht weiß, wie ich mich selbst annehmen kann, etwa. Genau dann ist es so wichtig, mich selbst zu lieben. – Mich zu lieben mit exakt dem, was gerade ist, nämlich mit der Ratlosigkeit, den Ohnmachtsgefühlen oder dem Nichtwissen, das ich empfinde.

 

Sehr hilfreich ist es auch, sich vor jeder Entscheidung, die man treffen muss oder darf, zumindest einmal zu fragen „Macht mich das wirklich glücklich?“. Die Antwort darauf sollte man in die Entscheidungsfindung mit einbeziehen.

 

Deshalb möchte ich meine Botschaft in Kurzform so formulieren: Mögen die Frauen unserer Zeit den Mut finden, zu sich selbst und ihrem authentischen Sein zu stehen. Mögen sie den Mut aufbringen, alle ihre Gefühle anzuschauen und zu durchleben, nichts außen vor zu lassen oder wegzuschieben. Denn das macht die Fülle des Lebens ja letztlich aus.